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18. Oktober 2001 - 20. Januar 2002

Thomas Virnich. Fliegende Katakomben


Blick in die Ausstellung, Foto: Hans-Wulf Kunze

 

"Alle Dinge, die wir erfinden, erzählen vom Wesen und Sein ihrer Schöpfer. Ich will mir die Welt aneignen in meiner Unvollständigkeit. Die Welt wird handhabbar als mein kleiner Planet. Ich schaffe mir eine Realität. Meine Arbeiten sind untauglich: sie fahren, klingen und fliegen nicht. Dennoch: der Abstand zwischen meinen und den tauglichen Objekten ermöglicht mir die Stellungnahme und ein freieres Leben." (Thomas Virnich, 1983)
Für den Bildhauer Thomas Virnich (geb. 1957 in Eschweiler) ist die Welt ein wunderbares Reservoir an Möglichkeiten für Skulpturen. Oft lösen Fundstücke Ideen aus. Sie werden dann selbst Bestandteile im Prozess von Bearbeitung, Umbewertung, Aufbau und Zerstörung bei der Entstehung der komplexen plastischen Konstruktion.
Thomas Virnichs „Fliegende Katakomben" locken den Betrachter in ein Labyrinth sujektiver Assoziationen. Darin treffen Bekanntes und bisher Verborgenes aufeinander. Das Unterste wird zuoberst gedreht. Unten und oben bilden jedoch ein einheitliches Ganzes, sind auf vielfache Weise miteinander verbunden. Die Welt steht nicht Kopf. Der Betrachter wechselt lediglich die Perspektive.

 

Katalog

 

 

30. September 2001 - 6. Januar 2002

Maschinentheater.
Positionen figürlicher Kinetik seit Tinguely

 

Blick in die Ausstellung, Foto: Kunstmuseum

 

Die Ausstellung stellt einen repräsentativen Querschnitt eines Bereichs der Kunst des 20. Jahrhunderts dar. 
Der internationale Charakter der Exposition wird durch Namen wie Rebecca Horn, Bruce Lacey oder Jean Tinguely dokumentiert. Das Verhältnis von Mensch und Maschine als Thema ihrer Arbeiten wurde auch von jüngeren Künstlerinnen und Künstlern aufgegriffen. Insofern spannt sich der Bogen vom Klassiker Tinguely (1925-1991) bis zum Youngster Malachi Farrell (* 1970).

Heiter-witzige Arbeiten stehen neben solchen, die beklemmend wirken. Dazu gehört z. B. „American Waltz" von Rebecca Horn, basierend auf dem Märchen Hans Christian Andersens von den roten Schuhen. Diese Schuhe, deren Faszination sich ein armes Mädchen nicht entziehen kann, gewinnen, einmal angezogen, Gewalt über ihre Trägerin. Wieder und wieder beginnt sie zu tanzen. Schließlich schlägt man ihr die Füße mit den Schuhen ab. Sie tanzen weiter, bis das Mädchen stirbt.

Jean Tinguely ist mit einigen Arbeiten aus seiner Philosophen-Reihe vertreten, die er 1988 aus Anlass einer Retrospektive im Centre Pompidou schuf. Dazu gehören u.a. "Henri Bergson", "Jean-Jaques Rousseau" und "Friedrich Engels". Bleiben diese Objekte weitgehend stumm, so erzeugt die "Astronomische Uhr" von Daniel Depoutot eine beeindruckende Geräuschkulisse, angesiedelt zwischen dem Lärm einer Maschinenhalle, Totentanz und einem kreativen Chaos. Optisch und akustisch ergeben sich auf diese Weise spannende Beziehungen der Exponate zueinander und zum Ort, einem Bauwerk aus der Zeit der Romanik.

 

 

14. Juni - 29. September 2001

Erwin Wortelkamp. Skulpturen

 

Blick in die Ausstellung, Foto: Hans-Wulf Kunze

 

Die Ausstellung umfasst ca. 40 Arbeiten, darunter 9 Zeichnungen. Den Schwerpunkt bilden dabei die zwischen 1991 und 2000 geschaffenen, expressiven Skulpturen. Sie stellen bis heute für den 1938 in Hamm geborenen Künstler den zentralen Gegenstand seines Wirkens dar. In ihnen verbindet sich Gewachsenes mit Geschaffenem, Expression und Meditation. 
Die mitunter allein schon durch ihre Größe imponierenden Holzskulpturen greifen - mit Absicht - immer wieder in öffentliche Räume ein und fordern damit zum Dialog auf. Auch in Magdeburg werden die Besu-cher und Passanten an höchst unterschiedlichen Orten mit ihnen konfrontiert. Einige der Werke entstan-den speziell für den Ausstellungsort. Zu nennen ist vor allem die "Hand", die am ehemaligen Standort des "Braunen Hauses", einer Gestapo-Zentrale in der Regierungsstraße, platziert wird.
Damit knüpft Wortelkamp an frühe Werke an. Bekannt wurde er Ende der 60-er Jahre durch seine Infor-mationsgalerie "atelier nw 8" in Beindersheim und Frankenthal/Pfalz. Dort organisierte er 1969 bis 1973 sozial- bzw. kulturkritische Aktionen u.a. mit Wolf Vostell, Jochen Gerz, Timm Ulrichs und Klaus Staeck.
In den 70-er Jahren entstanden vor allem kinetische Objekte als Aktivierungs- und Behinderungsgegen-stände im Straßenraum und, nach Schließung der Informationsgalerie 1973, aus geschweißten Eisen-flächen bestehende Arbeiten. Als Hauptwerk dieser Phase gilt die Werkgruppe "Vielleicht ein Baum". Mit ihr löste sich Wortelkamp von der Aktionskunst früherer Jahre und teilweise auch von der Abbildhaftigkeit. Noch weiter von der imitativen Tradition entfernte sich der Künstler im Verlauf der 80-er Jahre. Die aus Eisenblechen geschweißten Plastiken wurden durch Holzskulpturen abgelöst. Anlass dafür bot insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Werk und den Schriften Adolfs von Hildebrand (1847-1921) und dessen Forderung nach unbedingter Eigengesetzlichkeit und Autonomie der Kunst.
Seit 1986 arbeitet Erwin Wortelkamp in der Umgebung seines Wohnortes Hasselbach im Westerwald am bildhauerischen Gemeinschaftsprojekt "im Tal", einem Landschaftgarten.

 

Katalog

 

 

1. Mai - 15. Juli 2001

Bernhard Heiliger. Die Köpfe

 

Die 36 Porträtplastiken entstanden zwischen 1946 und den 1950-er Jahren.  Unter den Porträtierten befindet sich auch der ehemalige Magdeburger Oberbürgermeister Ernst Reuter (1931-1933). Als Heiliger diesen Kopf 1954 schuf, war Reuter bereits tot. Der Künstler nahm deshalb Fotos und Filmaufnahmen als Vorlagen. Heiligers erstes Porträt eines Politikers zeichnet sich durch Bewegtheit und Plastizität aus. Die Reduzierung der Anatomie führt dabei zu einer Betonung einzelner Teile, wie der Augenbrauen oder des Doppelkinns. Trotz seiner Massigkeit wirkt der Kopf leicht, fast schwebend. Hervorgerufen wird dieser Eindruck auch durch die Befestigung der Arbeit mittels eines Eisenstabes. 
Bernhard Heiliger gilt als einer der Erneuerer der Porträtplastik nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland. Er schuf jeweils individuelle, einprägsame Bildnisse. Sie vereinen physiognomische Prägnanz und formale Freiheit. Dabei nahm der 1915 in Stettin geborene Bildhauer Einflüsse verschiedener Strömungen aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts auf. Die Köpfe stellen für sein Gesamtwerk zugleich den Wendepunkt hin zur Abstraktion dar. Elemente beider Richtungen lassen sich in den gezeigten Werken erkennen.
Nach einem Lehrauftrag an der Hochschule für Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee (1945-1949) wurde er 1949 durch Karl Hofer an die Hochschule für Bildende Künste in Berlin-Charlottenburg berufen, wo er bis 1986 tätig war. Heiliger porträtierte Hofer einige Jahre später. Das 1951 entstandene Werk gilt als eines der wichtigsten im Schaffen des Berliner Bildhauers. Beide Porträtköpfe, Reuter und Hofer, werden im Kunstmuseum gezeigt. Weiterhin gehören u. a. die Bildnisse von Walter Gropius, Heinrich Nordhoff, Theodor Heuss und Ludwig Erhard zur Ausstellung.
Viele der präsentierten Arbeiten kommen aus Privatbesitz und sind erstmals seit über vierzig Jahren wieder in einer Ausstellung zu sehen.
Bernhard Heiliger starb 1995 in Berlin. Sein Werk und dessen wissenschaftliche Bearbeitung werden heute in erster Linie durch die Berliner Bernhard-Heiliger-Stiftung betreut.

 

Katalog (auf telefonische Nachfrage)

 

 

25. April - 27. Mai 2001

Historische Miniaturen:
Carl Christoph Gottlieb Zerrenner (1780-1851):
Schulreformer - Lehrerbildner - Propst

 

Am 2. März 2001 jährte sich zum 150. Mal der Todestag eines der bedeutendsten Magdeburger des 19. Jahrhunderts: Carl Christoph Gottlieb Zerrenner. Geboren wurde er am 15. Mai 1780 in Beyendorf. 
Bereits durch seinen Vater, Heinrich Gottlieb Zerrenner, wurde der spätere Schulreformer mit Pädagogen wie Base-dow, Campe und Salzmann bekannt. Nach dem Schulbesuch in Kloster Berge studierte er in Halle Theologie. 1802 kehrte er nach Magdeburg zurück und arbeitete am Pädagogium des Klosters Unser Lieben Frauen als Lehrer. Von 1805 bis 1823 war er Prediger an die Heilig-Geist-Kirche. 1816 berief man ihn zum Konsistorial- und Schulrat. Ihm oblag die Aufsicht über die Volksschulen und Lehrerseminare der preußischen Provinz Sachsen. 1823 übernahm er die Leitung des Magdeburger Lehrerseminars in der Prälatenstraße. 1832 kehrte er als Propst an das Marienkloster zurück. Dieses Amt sollte ihm jedoch wenig Freude bereiten. Ein wesentlicher Grund war die Säkularisierung des Klosters.
Ab 1840 war auch für den Aufklärer Zerrenner der konservative politische Trend spürbar. Nach internen Streitigkeiten enthob man ihn 1843 seiner Direktion des Pädagogiums im Kloster. Seine Lehrbücher für den Religionsunterricht verschwanden aus den Lehrplänen. 1846 trat er aus dem Konsistorium aus. Engen Kontakt pflegte er jedoch weiterhin zu den Freimaurern.
Zerrenners größtes Verdienst war die Magdeburger Schulreform. Ihre praktische Umsetzung erfolgte ab 1819. In Oberbürgermeister August Wilhelm Francke fand er dabei den entscheidenden Förderer. Im Ergebnis der Reform gab es mehrere Vorschulen. Daran schlossen sich Volksschulen, mittlere und höhere Bürgerschulen an, getrennt für Jungen und Mädchen. Den Abschluss bildete die Höhere Gewerbe- und Handelsschule. 1828 kam eine Schule für Taubstumme hinzu. Die Lehrer erhielten feste Gehälter. Neue Lehrbücher und Unterrichtsmittel wurden angeschafft. Magdeburg verfügte damit ab 1820 über Preußens modernstes öffentliches Schulwesen. Begleitet wurde die Reform von Bemühungen Zerrenners um die Verbesserung der Lehrerbildung. Die Professionalisierung der Volksschulleh-rerbildung in der Provinz Sachsen ist somit in erster Linie ihm zu verdanken. Neben seinem Einsatz für die Gründung von Seminaren zur Lehrerbildung, z.B. in Heiligenstadt, trugen vor allem seine Lehrbücher zum Erfolg bei. Sein "Methoden-buch für Volksschullehrer" (1813) und die "Grundsätze der Schulerziehung" (1824) waren über Jahrzehnte Standardwerke an vielen preußischen Lehrerseminaren. Sein Schulbuch "Der Kinderfreund" erlebte zwischen 1811 und 1854 insgesamt 23 Auflagen. 1825 verlieh ihm die Stadt Magdeburg den Bürgerbrief. 1834 erhielt er von der Universität Leipzig den Ehrendoktor in Philosophie und von der Universität Halle den in Theologie.
Als Zerrenner 1851 starb, begleiteten viele Magdeburger und Auswärtige den Sarg. Die Grabplatte mit den Namen von Zerrenner und seiner Frau ist erhalten. Sie befindet sich im Nordpark. Allerdings entspricht ihr gegenwärtiger Zustand und der der Grabstelle nicht den Verdiensten des Magdeburger Schulreformers und Lehrerbildners.
Die Ausstellung umfasst rund 90 Exponate. Sie wurde unterstützt durch das Magdeburger Volvo-Autohaus Wolf Ziegenhagen.

Ausführliche Darstellungen zu Leben und Werk von C.C.G. Zerrenner finden Sie in den Publikationen "Lehrer, Pröpste und Rektoren" sowie "Zwischen Kanzel und Katheder".

 

 

5. April - 20. Mai 2001

Ulrich Wüst. Morgenstrasse


Ulrich Wüst wurde 1949 in Magdeburg geboren. Von 1967 bis 1972 studierte er in Weimar an der Hoch-schule für Architektur und Bauwesen im Fach Stadtplanung. Bis 1977 arbeitete er als Stadtplaner, vor allem in Berlin, wo er seit 1972 lebt. Von 1979 bis 1983 war Ulrich Wüst als Bildredakteur und Fotograf tätig. Seit 1984 arbeitet er freiberuflich als Fotograf.
Seine etwa 100 in Magdeburg gezeigten Fotografien entstanden zwischen 1976 und 2000. Sie wirken karg, streng, von Strukturen bestimmt. Dennoch wecken sie die Neugier und bieten aufschlussreiche Einblicke in die Struktur und den Wandel einer Stadt ab Mitte der 70-er Jahre bis zur unmittelbaren Gegenwart. Sie sind ein Ergebnis der periodischen Besuche Wüsts in seiner Heimatstadt. Die so entstandene Bild-Chronik war nicht die eigentliche Absicht des Fotografen. Dennoch ist Geschichte ein Bestand-teil der Aufnahmen, als persönliche Erinnerung und als inzwischen verändertes Stadtbild.
Der individuelle Blick von Ulrich Wüst weckt die Neugier des Betrachters und regt Vergleiche mit der eigenen Sicht auf die Gegenwart des Ortes, seines eigenen Lebensraums an. Bereits der Titel der Ausstel-lung nimmt darauf Bezug: Morgenstasse. Zu dieser Straße gehören noch die Mittag- und die Abendstraße, wodurch die Natur in Gestalt des Sonnenstandes im Stadtbild präsent ist.

 

Katalog

 

 

4. - 29. April 2001

Souvenirs - 100 postcards by Ian Hamilton Finlay

 

Es handelt sich um Werke des in Schottland lebenden Künstlers Ian Hamilton Finlay. Er wurde 1925 in Nassau auf den Bahamas geboren. Schon im Alter von sechs Jahren ging er allein in die Heimat seiner Eltern, nach Schottland, zurück. Er diente in der Armee und arbeitete auf den schottischen Orkney-Inseln als Schäfer. In den 50-er Jah-ren begann er seine künstlerische Arbeit als Dichter. Seit den 60-er Jahren lebt er zusammen mit seiner Frau in seinem selbst angelegten Landschaftsgarten „Little Sparta" in der Nähe von Edinburgh.
Finlay versteht sich in erster Linie immer noch als Dichter und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der „Visuellen Poesie". Damit gibt er seinen poetischen Ideen und philosophischen Leitgedanken durch eine Kombination von Sprache, Grafik, Skulptur und Installation eine künstlerische Form. Dabei ist er nicht allein auf Räume in Museen beschränkt, sondern er realisiert seine Werke auch in der Landschaft. So entstand auch eine seiner wichtigsten Arbeiten. Unter dem Namen „Hirtenlied" ist sie im Magdeburger Elbauenpark (Gelände der Bundesgartenschau 1999) zu sehen. Es ist ein original nachgebautes Schafs-pferch. Die damit suggerierte Harmonie von Mensch und Natur ist jedoch ambivalent, denn im Inneren des Pferchs steht die Inschrift „Einpferchen des letzten Schafes". Insofern spiegelt das Pferch die Vorstellung von Schutz und zugleich Zwang wider.
Typisch für die Arbeiten Finlays ist, dass er den Ort ihrer Präsentation und die Form ihrer Vermittlung bewusst wählt. Dadurch erhalten seine Werken oft einen ironischen Unterton. Die Wahl der Postkarte als Präsentationsmedium nimmt Bezug auf deren Funktion, Botschaften zu übermitteln. Der Empfänger wird dadurch direkt und persönlich angesprochen. Die „Souvenirs" sind somit eine Form des Dialogs bzw. eine Einladung dazu.