Im Zentrum der Landeshauptstadt Magdeburg, unweit der Elbe, ist das Museum der wichtigste Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst und Skulptur im Bundesland Sachsen-Anhalt. Im großen oberen Tonnengewölbe hat die europäische Kunst der Gegenwart ihren Platz gefunden.


Dauerausstellung zeitgenössischer Kunst, 2009
Im Vordergrund: Norbert Prangenberg, Figur, 1995, Schenkung des Künstlers
Foto: Kunstmuseum

Das breit gefächerte Spektrum ermöglicht anhand von internationalen Beispielen die Rezeption wichtiger künstlerischer Tendenzen im gegenseitigen Vergleich. Werke von Giovanni Anselmo, Maurizio Nannucci, Rashid Johnson, Hartwig Ebersbach, Tony Cragg, Ruth Francken oder Auke de Vries zeigen ganz unterschiedliche künstlerische Positionen auf.

Christophe Cuzin
Un léger décalage - Eine leichte Verschiebung


Christophe Cuzin, Un léger décalage - Eine leichte Verschiebung, 2006, Foto: Kunstmuseum

Während die natürliche Welt unzählige Farben in Varianten und Abstufungen hervorbringt, existierten reine monochrome Farbflächen nur in der Lebenswelt der Menschen. Die Moderne hatte reine Farben als Argument der Befreiung von allen Tapeten- und Bildmustern im Alltag und in der Kunst gefeiert, seither sind monochrome Flächen in Architektur und Malerei eine übliche Praxis. Auch Christophe Cuzin (geb. 1956, lebt in Paris) arbeitet mit farbigen Flächen. Damit knüpft er Verbindungen zum Minimalismus, aber auch zur Wandmalerei.
Im Magdeburger Kunstmuseum hat Christophe Cuzin eine Arbeit realisiert, die das gesamte Foyer verändert. Die farbigen Flächen lassen zum ersten Mal die sonst nahezu unsichtbare Struktur des Raumes erkennen.

Neu in den Sammlungen (Auswahl)

Niele Toroni
Abdrücke eines Pinsels Nr. 50, wiederholt in regelmäßigen Abständen von 30 cm (Für Rimbaud)
1998/99, Acryl auf Tonpapier, 9-teilig, je 67 x 75 cm,
erworben durch das Land Sachsen-Anhalt
Foto: Hans-Wulf Kunze

Jewyo Rhii (geb. 1971, lebt in Seoul)
Lie on the Han River (Liegen am Han-Fluss)
Video, 10,06 Min., 2005/2006
9 Zeichnungen, verschiedene Stifte auf Papier, 2007

„Liegen am Han-Fluss“ beruht auf der Geschichte zweier mittelloser Liebender, die sich immer am Ufer des großen Flusses trafen, der durch Seoul fließt. Der Mann vertritt eine antikapitalistische Haltung, aufgrund derer er glaubt, für ihn bestehe der beste Weg des Widerstands darin, in der kapitalistischen Gesellschaft jede Form von Arbeit zu verweigern. Die Liebenden können sich deshalb keinen noch so kleinen Raum mit vier Wänden und einem Dach leisten, in dem sie sich küssen und lieben könnten, wann immer sie wollen. Schließlich trennen sie sich, als es im Winter draußen zu kalt wird, um sich weiter am Fluss zu treffen.
„ Liegen am Han-Fluss“ ist der visuell umgesetzte Liebesbrief der Frau, mit dem sie ihren ehemaligen Liebhaber zur Rückkehr an den Han River einlädt. Sie schreibt: „Komm zurück, so viel brauchen wir doch nicht in unserem Leben“, und sie schafft einen warmen Platz, an dem sie sich hinsetzen und hinlegen können, wo sie der Kälte ausweichen und unter Verwendung minimaler Mittel ihre Privatheit genießen können. Im Video singt der Musiker und Performancekünstler David Michael DiGregorio Jewyo Rhiis Botschaft im Hintergrund.

Dagmar Varady (geb. 1961, lebt in Halle)
ELBEN (sehen Wolken)
2007
Video (11:28 Min / 59:28 Min.)

Die Videoinstallation steht in der Folge von Arbeiten zum Thema Natur. Ihr Hintergrund ist das staunende Reflektieren über die unvorhersehbare, irrationale, scheinbar nicht zu gebrauchende Seite der Natur. Ausgangsmaterial sind Beobachtungen der Wasseroberfläche mit der Videokamera an der Elbe über eine Zeit von mehreren Monaten. Das so entstandene Material wurde in regelmäßige Ein-Minuten-Sequenzen geschnitten. Parallel entstanden zeitlich unterschiedlich lange Sequenzen des Magdeburger Elbufers. In der Installation werden die Videosequenzen auf sich horizontal berührende Leinwände projiziert, wobei das Passanten-Video „auf dem Kopf“ steht. Hinzu kommt als Zitat ein Gespräch der Marionetten Othello und Jago über die Wolken, das dem frühen Pasolini-Film „Che cosa sono le nuvole?“ (1968) entnommen ist. Die Marionetten erblicken, als sie, auf eine Müllhalde geworfen, auf dem Rücken liegen, erstmals die Wolken. Inhalt ihres Gesprächs ist ihre Verwunderung über die „herzzerreißende Schönheit“ der vorbeiziehenden Wolken. (Dagmar Varady)

Sigalit Landau (geb. 1969, lebt in Tel Aviv)
Barbed Hula
2000
Video
2,00 Min.

„Man versucht, dem Schmerz zu entrinnen, indem man noch mehr Schmerz produziert.“ (Sigalit Landau) „Barbed Hula" zeigt die Künstlerin, die nackt vor der Kulisse des Mittelmeeres mit einem Reifen aus Stacheldraht um den Bauch tanzt. Was einerseits als harmloses Kindervergnügen bekannt ist, verwandelt sich bei Sigalit Landau in ein selbstzerstörerisches Ritual. Der Hula-Hoop-Reifen wird zum Folterinstrument, womit sich Beziehungen zu Märtyrer- oder Geißelungs-Darstellungen ergeben. Die fast unerträgliche Intensität des Geschehens erwächst bei Sigalit Landau insbesondere aus dem Zoom der Kamera. Die Künstlerin reflektiert darin jedoch nicht allein kunstgeschichtliche Motive, sondern ebenso die politische Situation im Nahen Osten. Die durch den Stacheldraht indizierte Ausgrenzung korreliert mit der Beschränkung, aus der Schutz und Unterdrückung gleichermaßen erwachsen. Die Szene ist jedoch an keiner Stelle in einen konkreten kulturellen Kontext verwoben. Sie verweist somit auf die fluktuierenden Grenzen, bei deren Überschreiten Spiel in Gewalt umschlägt.

Christophe Cuzin (geb. 1956, lebt in Paris)
Référents
70 Siebdrucke
2002
je 40 x 60 cm
Foto: Hans-Wulf Kunze


Foto: Hans-Wulf Kunze

Auf die Frage gestoßen, welche Künstler ihn im eigenen Leben bisher besonders interessiert haben, kommt Christophe Cuzin (geb. 1956, lebt in Paris) auf eine Reihe von 70 verschiedenen Namen. So entsteht 2002 die Grafikmappe „Référents“ mit farbigen Siebdrucken, in denen jedes einzelne Blatt einem anderen Künstler gewidmet ist. Alle Blätter zitieren prägnante Bildelemente der jeweiligen Handschriften in piktografischer Reduktion. Diese linearen „Referenzen“ wurden auf kräftige Untergrundfarben gedruckt, die beliebig wechseln, so dass sich keine Mappe in denselben Farben wiederholt. Christophe Cuzin verwendet prinzipiell farbige Flächen in einem offenen Verfahren, immer wird der jeweilige Farbton intuitiv bestimmt und nie schon vorab festgelegt. So geschehen im Foyer des Kunstmuseums, wo seine Arbeit „Un léger décalage / Eine kleine Verschiebung“ seit zwei Jahren die Wände und den Raum bestimmt.
Wir danken dem Verein der Freunde und Förderer des Kunstmuseums e.V. für den Ankauf dieser wichtigen Mappe für die Sammlung des Museums.


Thomas Schütte, Farblithographie. o.T., um 1990
Repro: Kunstmuseum

Dem Kunstmuseum Magdeburg wurde kürzlich eine umfangreiche Schenkung übergeben. Die von Herrn Prof. Dr. G. A. Martini und seiner Frau, Hamburg, in Jahrzehnten zusammengetragene Sammlung von „Griffelkunst“ umfasst mehr als 250 Grafiken. Unter den zahlreichen Künstlern dieses Konvolutes befinden sich beispielsweise die Namen von Klassikern der Grafik wie Otto Pankok, Heinrich Zille, Gustav Seitz, Horst Janssen, aber auch viele avancierte Vertreter der Gegenwartskunst, wie z.B. Felix Droese, Norbert Prangenberg und Ludger Gerdes.