| Im Zentrum der Landeshauptstadt Magdeburg, unweit der Elbe, ist das Museum der wichtigste Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst und Skulptur im Bundesland Sachsen-Anhalt. Im großen oberen Tonnengewölbe hat die europäische Kunst der Gegenwart ihren Platz gefunden. Das breit gefächerte Spektrum ermöglicht anhand von internationalen Beispielen die Rezeption wichtiger künstlerischer Tendenzen im gegenseitigen Vergleich. Werke von Giovanni Anselmo, Maurizio Nannucci, Rashid Johnson, Hartwig Ebersbach, Tony Cragg, Ruth Francken oder Auke de Vries zeigen ganz unterschiedliche künstlerische Positionen auf. Christophe Cuzin
Während die natürliche Welt unzählige
Farben in Varianten und Abstufungen hervorbringt, existierten reine
monochrome Farbflächen nur in der Lebenswelt der Menschen. Die
Moderne hatte reine Farben als Argument der Befreiung von allen Tapeten-
und Bildmustern im Alltag und in der Kunst gefeiert, seither sind monochrome
Flächen in Architektur und Malerei eine übliche Praxis. Auch
Christophe Cuzin (geb. 1956, lebt in Paris) arbeitet mit farbigen Flächen.
Damit knüpft er Verbindungen zum Minimalismus, aber auch zur Wandmalerei. Neu in den Sammlungen (Auswahl) Niele Toroni
Jewyo Rhii (geb. 1971, lebt in Seoul) „Liegen am Han-Fluss“ beruht auf der Geschichte zweier
mittelloser Liebender, die sich immer am Ufer des großen Flusses
trafen, der durch Seoul fließt. Der Mann vertritt eine antikapitalistische
Haltung, aufgrund derer er glaubt, für ihn bestehe der beste Weg
des Widerstands darin, in der kapitalistischen Gesellschaft jede Form
von Arbeit zu verweigern. Die Liebenden können sich deshalb keinen
noch so kleinen Raum mit vier Wänden und einem Dach leisten, in
dem sie sich küssen und lieben könnten, wann immer sie wollen.
Schließlich trennen sie sich, als es im Winter draußen
zu kalt wird, um sich weiter am Fluss zu treffen. Dagmar Varady (geb. 1961, lebt in Halle) Die Videoinstallation steht in der Folge von Arbeiten zum Thema Natur. Ihr Hintergrund ist das staunende Reflektieren über die unvorhersehbare, irrationale, scheinbar nicht zu gebrauchende Seite der Natur. Ausgangsmaterial sind Beobachtungen der Wasseroberfläche mit der Videokamera an der Elbe über eine Zeit von mehreren Monaten. Das so entstandene Material wurde in regelmäßige Ein-Minuten-Sequenzen geschnitten. Parallel entstanden zeitlich unterschiedlich lange Sequenzen des Magdeburger Elbufers. In der Installation werden die Videosequenzen auf sich horizontal berührende Leinwände projiziert, wobei das Passanten-Video „auf dem Kopf“ steht. Hinzu kommt als Zitat ein Gespräch der Marionetten Othello und Jago über die Wolken, das dem frühen Pasolini-Film „Che cosa sono le nuvole?“ (1968) entnommen ist. Die Marionetten erblicken, als sie, auf eine Müllhalde geworfen, auf dem Rücken liegen, erstmals die Wolken. Inhalt ihres Gesprächs ist ihre Verwunderung über die „herzzerreißende Schönheit“ der vorbeiziehenden Wolken. (Dagmar Varady) Sigalit Landau (geb. 1969, lebt in Tel Aviv)
„Man versucht, dem Schmerz zu entrinnen, indem man noch mehr Schmerz produziert.“ (Sigalit Landau) „Barbed Hula" zeigt die Künstlerin, die nackt vor der Kulisse des Mittelmeeres mit einem Reifen aus Stacheldraht um den Bauch tanzt. Was einerseits als harmloses Kindervergnügen bekannt ist, verwandelt sich bei Sigalit Landau in ein selbstzerstörerisches Ritual. Der Hula-Hoop-Reifen wird zum Folterinstrument, womit sich Beziehungen zu Märtyrer- oder Geißelungs-Darstellungen ergeben. Die fast unerträgliche Intensität des Geschehens erwächst bei Sigalit Landau insbesondere aus dem Zoom der Kamera. Die Künstlerin reflektiert darin jedoch nicht allein kunstgeschichtliche Motive, sondern ebenso die politische Situation im Nahen Osten. Die durch den Stacheldraht indizierte Ausgrenzung korreliert mit der Beschränkung, aus der Schutz und Unterdrückung gleichermaßen erwachsen. Die Szene ist jedoch an keiner Stelle in einen konkreten kulturellen Kontext verwoben. Sie verweist somit auf die fluktuierenden Grenzen, bei deren Überschreiten Spiel in Gewalt umschlägt. Christophe Cuzin (geb. 1956, lebt in Paris)
Auf die Frage gestoßen, welche Künstler ihn im eigenen
Leben bisher besonders interessiert haben, kommt Christophe Cuzin (geb.
1956, lebt in Paris) auf eine Reihe von 70 verschiedenen Namen. So
entsteht 2002 die Grafikmappe „Référents“ mit
farbigen Siebdrucken, in denen jedes einzelne Blatt einem anderen Künstler
gewidmet ist. Alle Blätter zitieren prägnante Bildelemente
der jeweiligen Handschriften in piktografischer Reduktion. Diese linearen „Referenzen“ wurden
auf kräftige Untergrundfarben gedruckt, die beliebig wechseln,
so dass sich keine Mappe in denselben Farben wiederholt. Christophe
Cuzin verwendet prinzipiell farbige Flächen in einem offenen Verfahren,
immer wird der jeweilige Farbton intuitiv bestimmt und nie schon vorab
festgelegt. So geschehen im Foyer des Kunstmuseums, wo seine Arbeit „Un
léger décalage / Eine kleine Verschiebung“ seit
zwei Jahren die Wände und den Raum bestimmt.
Dem
Kunstmuseum Magdeburg wurde kürzlich eine umfangreiche Schenkung übergeben.
Die von Herrn Prof. Dr. G. A. Martini und seiner Frau, Hamburg, in
Jahrzehnten zusammengetragene Sammlung von „Griffelkunst“ umfasst
mehr als 250 Grafiken. Unter den zahlreichen Künstlern dieses
Konvolutes befinden sich beispielsweise die Namen von Klassikern der
Grafik wie Otto Pankok, Heinrich Zille, Gustav Seitz, Horst Janssen,
aber auch viele avancierte Vertreter der Gegenwartskunst, wie z.B.
Felix Droese, Norbert Prangenberg und Ludger Gerdes.
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